Von- und miteinander lernen

Der Kolumnist Dejan Mihajlovic zog kürzlich in seinem Artikel Wie gelingt eine Kultur des Teilens in der Schule? Bilanz zu den Schulschliessungen: «Rückblickend wurden immer dort Erfolge erzielt, wo alle Beteiligten ihr Wissen einbringen konnten und die Zusammenarbeit stark war.» Wie kann man das von- und miteneinander Lernen in den Unterricht einfliessen lassen – sei er in Präsenz oder auf Distanz? Anregungen von Fachexpertin Melanie Thönen.

Wenn ich persönlich auf die Wochen des Fernunterrichts zurückblicke, stelle ich fest, dass wir in dieser kurzen Zeit riesige Schritte gemacht haben: Innert kürzester Zeit wurde ein Fernunterricht durch die Schulen aufgebaut. Was die digitalen Aspekte betrifft sind wir sogar mit Meilenstiefeln vorwärtsgeschritten. Digitale Tools und Kollaborationsplattformen sind für viele von uns Alltag geworden – auch oder insbesondere in der Schule.

Neue Rollen

Grosse Veränderungen haben sich auch bei den Rollen von Schülerinnen und Schüler, Eltern und Erziehungsberechtigten sowie Lehrpersonen ergeben, die sich innerhalb weniger Tage auf eine völlig neue Situation einstellen mussten. Prof Dr. Zierer zeigte in seinem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Netzwerk on air» (sichtbar mit eduBS-Login) eindrücklich, wie sich das didaktische Dreieck zwischen Lehrperson, Lernendem und Stoff aufspannte zu einer neuen Struktur, in der auch Mutter und Vater eine neue Rolle zugeteilt bekamen. Gemeinsam wurde ausprobiert, überprüft, nachgebessert. Alle waren ständig gefordert zu handeln, dadurch wurden wir immer kompetenter in dem, was wir taten. So taten sich neue Beziehungsebenen auf und das von- und miteinander Lernen wurde um weitere Mitspieler ergänzt. Gleichzeitig ging die Interaktion zwischen den Schülerinnen und Schülern oft verloren, diese Ebene des Lernens wurde reduziert.

Vermitteln, Begleiten oder Interagieren?

Diese verschiedenen Ebenen thematisierte auch Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs in ihrem Vortrag im «Netzwerk on Air» (sichtbar mit eduBS-Login), als sie fragte, was Unterricht überhaupt sei und welche Perspektive dabei im Vordergrund stehe: die Vermittlung, die Begleitung oder die Interaktion. Gerade wenn man überpüfen wolle, ob der Fernunterricht erfolgreich gewesen sei, müsse man sich zuerst darüber klar werden, welche Ebene man anschaut.

Zu Beginn dieser Krisensituation sei offenbar insbesondere das Vermitteln im Zentrum des Tuns gestanden. Es stellten sich Fragen wie

  • Wie kommen die Kinder zu den Aufträgen?
  • Wie kann der Unterrichtsstoff trotz Distanz vermittelt werden?

Fragen zur Begleitung der Kinder kamen später hinzu:

  • Was kann in selbständiger Arbeit durchgeführt werden?
  • Wo braucht es mich als Lehrperson in der Begleitung?

Schliesslich wurde der Fragenstrauss ergänzt mit Fragen zur Interaktion und Kommunikation zwischen den Beteiligten:

  • Wie können sich die Kinder untereinander auf Distanz austauschen?
  • Wie kommuniziere ich als Lehrperson mit den Kindern und den Eltern?
  • Welche Settings fördern die Kollaboration und Kooperation der Schülerinnen und Schüler?

Kooperation & Kollaboration beibehalten …

Der Hinweis auf die Zeit nach dem Distanzunterricht war den beiden oben genannten Vorträgen gemeinsam. Beide kamen zum Ergebnis, dass in der ersten Zeit nach dem Fernunterricht insbesondere die sozialen Beziehungen, die Kooperation und Kollaboration der Kinder sowie die Klassenführung im Zentrum des Unterrichts stehen werden. Um das soziale Gefüge wieder zu festigen, schlugen sie vor, vermehrt kollaborative und kooperative Lernformen einzusetzen.

Ein neues Spannungsfeld mit Fragen zu Nähe und Distanz und zu realem und virtuellem Raum tut sich auf – je nach Schulstufe unterschiedlich akzentuiert. Es stellen sich die Fragen wie

  • Wie kann dies denn nun unter den neuen Bedingungen praktisch umgesetzt werden?
  • Was funktionierte bisher im Unterricht gut?
  • Wie kann ich es beibehalten, muss es allenfalls etwas angepasst werden?
  • Gibt es auch (neue) Varianten des kollaborativen Lernens, die mit einem gewissen Abstand oder weiterhin im Fernunterricht funktionieren?
  • Wie kann ich in diesen Settings als Lehrperson den Schülerinnen und Schülern beratend und begleitend zur Seite stehen, wenn ich zu ihnen zwei Meter Distanz wahren muss?

… per Video und im Klassenzimmer

Auch für Schulen, die sich weiterhin im Fernunterrichts-Modus befinden, wird die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern ein wichtiges Thema bleiben. Tim Kantereit zeigt in seinem Blogbeitrag #socialdistancing – Videokonferenzen sind die neue Realbegegnung Methoden, wie Teilnehmende einer Videokonferenz sich intensiver einbinden lassen. Eine schöne Übersicht zum kollaborativen Arbeiten in Schulen und der Erstellung von digitalen Produkten bietet der Bericht Digitale Lern- und Arbeitsprodukte kollaborativ erstellen – auch einige konkrete Beispiele digitaler kollaborativer Arbeiten werden vorgestellt. Unter IQES online: Kooperatives Lernen finden sich viele Informationen zum kooperativen Lernen. Vielleicht inspirieren diese Seiten und es bietet sich an, auch im Klassenzimmer etwas Neues auszuprobieren?

… und auch mit allen anderen Beteiligten!

Eine mehr oder weniger intensive Zusammenarbeit, ein von- und miteinander lernen gab es auch zwischen Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern. Es bietet sich an, mit allen Beteiligten einen Blick zurück zu wagen, um für die Zukunft zu profitieren. Der Bereich Schulentwicklung/Schulführung des PZ.BS hat dazu Ideen und Fragen gesammelt, die er im vorherigen Blogbeitrag präsentiert.

Erwähnenswert ist auch die Seite von IQES online, die sich der Evaluation des Fernunterrichts widmet (Zugriff mit IQES-Login) und umfangreiche Fragebogen bietet, die als Inspiration für das Durchführen von Befragungen genutzt werden können. Und schliesslich bietet Michael Drabe in seinem Blogbeitrag Transformation analog – digital: Didaktik einen interessanten Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen eines digitalisierten Unterrichts, wie er jetzt und in Zukunft stattfinden kann oder wird.

Autor: pz.bs

Das Pädagogische Zentrum PZ.BS unterstützt Lehrpersonen, Schulleitungen und weitere Mitarbeitende der Basler Schulen mit Weiterbildung, Beratung, Infrastruktur und vielem mehr. Es ist Teil des Erziehungsdepartements Basel-Stadt.

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