Geschichte, Geographie, RZG im Fernlernmodus

Auf dem Industriepfad Aabach (AG) verknüpft eine App mittels augmented reality das, was man heute sieht mit dem, was früher einmal war und was davon geblieben ist. www.industriekultour-aabach.ch
©Pascal Meier, 2018, Museum Aargau.

Geschichte und Geographie arbeiten mit Quellen aus Archiven und Bibliotheken – also mit etwas, das digital und analog gut zugänglich gemacht werden kann. Auch die medienkritische Frage nach «Wahrheit» und «Fake News» ist eine, die mit Quellenkritik in diesen Fächern intrinsisch angelegt ist. Als Historikerin sei es für sie naheliegend, Quellenarbeit ins Zentrum von Fernlernen zu stellen, sagt Fachexpertin Alexandra Binnenkade. Warum nicht diese Gelegenheit für entsprechende Unterrichtsprojekte nutzen?

Angenommen, der Unterricht ist umstrukturiert: Er ist von den 45-Minuten-Lektionen weggekommen und bietet fürs Fernlernen längere Zeit- und Themenblöcke (siehe Beitrag «Fernlernen – Präsenzunterricht mit anderen Mitteln?») – was für Chancen, was für Möglichkeiten bieten sich für Geschichte und Geographie respektive RZG?

Das Folgende ist als Inspiration gedacht, es sind Ideen, die ich von Lehrpersonen gehört und gelesen haben, die sich in einer konkretisierten, abgewandelten Form weiterdenken lassen. (Wenn Sie das tun, erwägen Sie doch, das entstandene Material auf ILIAS anderen Kolleg/innen zur Verfügung zu stellen.)

Projektarbeit …

Screenshot aus Philippe Wampflers Video «Folge 16: Projektlernen» 17.3.2020. Zu konkreten Beispielen aus der Praxis

Philippe Wampfler, der diese Zeit mit einer lehrreichen Video-Serie begleitet, in der er seine eigenen Unterrichtserfahrungen und sein Know-How öffentlich teilt, wirbt gerade jetzt für Projektarbeit. Projekt kann man unterschiedlich gross denken, es kann einen einzigen Zeit/Fach-«Block» in Anspruch nehmen oder mehrere Wochen: Im Zentrum steht immer eine selbstgesteuerte Sequenz innerhalb einer Lerneinheit, der eine bestimmte Abfolge zugrunde liegt. Ich benutze den Begriff Projekt unorthodox und stelle die Selbststeuerung stärker ins Zentrum als das Produkt.

… ausgehend vom Inhalt

Man kann Projekte vom Inhalt her denken: Jetzt ist Zeit für übergreifende Themen oder Fragestellungen, die Zeiten, Fächer, Methoden in einem Fokuspunkt zusammenbringen.

In der neuen (Fern-)Lerneinheit könnte es beispielsweise um eine Stadt im Lauf der Zeit gehen, z.B. London von der Industrialisierung bis heute. In der Entwicklung dieser Grossstadt stecken historische Themen und geographische, Sprachen und WAH.

Es könnte um Zucker gehen: Wie er nach Europa kam, was es brauchte, um ihn hierher zu schaffen, wie Zucker die Essgewohnheiten der Menschen veränderte, welchen Zusammenhang es gibt zwischen Zucker und Industrialisierung. Ein Thema, viele Fächer: von Geographie, Biologie, WAH, zu Geschichte, Mathematik und Sprache. Ein Thema, viele Quellen: von Zeitungsmeldungen, Tagebucheinträgen, Rezepten, Romanen, zu Gemälden und Karten. Ein Thema, viele Fragen, die Unterprojekte ergeben.

Oder es geht um die Metamorphosen von Tieren (Biologie, Kunst/BG, Geschichte, Geographie, Sprachen).

Oder die Klasse befasst sich mit Greta Thunbergs Rede in Davos, als sie die Politikerinnen und Politiker aufforderte, in Panik zu geraten: Die Schüler/innen beginnen damit, Fragen zu diesem Auftritt zu stellen, zu Thunbergs Forderungen, zur Klimaerwärmung – was auch immer sie selbst beschäftigt, oder sich mit der Quellengattung «Reden» zu beschäftigen (z.B. mit dem Instragam-Kanal Talks for future), sich zu überlegen, wie sie politisch Einfluss nehmen können – oder am besten im Sinne von RZG gleich alles kombiniert.

… ausgehend von der Selbststeuerung

Man kann Projektlernen von der Selbststeuerung her denken. Projekte können auch recht kleine, abgeschlossene Einzelteile oder Schritte in einem grösseren Ganzen sein, das die Lehrperson vorgibt. Vielleicht schlagen Schüler/innen mögliche Themen für diese Unterrichtseinheit vor («Projekt Themenvorschläge begründen»), vielleicht arbeiten sie ihre Fragen ans Thema heraus, vielleicht wählen sie aus vorgelegten oder suchen selbst eine Quelle zu einer Frage. Vielleicht recherchieren sie und zeigen ihre Recherchen (Weg und Resultat). Vielleicht erarbeiten sie Themenvorschläge, oder sie gehen probehalber für eine abgesteckte Zeit einer eigenen These nach. Jedes Mal geht es darum zu klären, was gefragt ist, wie sie vorgehen können, wie sie Resultate sichern, wie sie ihre Ergebnisse präsentieren.

… ausgehend vom Produkt

Man kann Projekte auch vom Produkt her denken. Der Inhalt und das Vorgehen sind von der Lehrperson vorgegeben, aber wie die Resultate präsentiert werden, steht den Schüler/innen frei: Vielleicht wird daraus ein Text (eine Erörterung, eine Rede, ein Dialog, ein Brief, ein fiktives Tagebuch, ein Buch), ein Erklär-Film, ein Audio-Feature/Hörbeitrag oder ein Podcast, eine Powerpoint-Präsentation, eine Zeichnung, ein Spiel …

Kooperatives Lernen im Projekt …

Es muss nicht immer Einzelarbeit sein, im Gegenteil: Projektarbeit kann eine hervorragende kollaborative beziehungsweise kooperative Lernerfahrung sein, wenn sie entsprechend strukturiert und begleitet wird. Kollaborativ und kooperativ arbeiten zu können, gehört zu den Lehrplankompetenzen und den 21st century skills – und würde den meisten auch ohne diese Vorgaben einleuchten. Dies könnte auch einfach ein relevantes Lernziel der Fernlern-Zeit sein: Wir üben kollaborativ zu arbeiten.

… zum Beispiel mit Blogs

Einige werben für den Einsatz von Blogs im Fernunterricht. Einerseits können die Blogs Werkzeuge sein, um in einer Gruppe etwas zu erarbeiten. Im Blog können Schüler/innen Texte, Audios, Videos etc. zu ihrem Projekt sammeln und archivieren. Andererseits kann es sein, dass im Blog «die Musik spielt», dass hier die eigentliche Auseinandersetzung stattfindet und zwar über die Kommentare und die Beiträge. Der Blog macht den Lernprozess der Klasse sichtbar und kann als solcher archiviert werden. Hilfreiche Hinweise rund ums Bloggen im Unterricht bietet das digitale Guidebook von educa.

Im Blog wird Kollaboration vielleicht am besten erkennbar, denn dieses Gefäss führt die Beiträge Einzelner sichtbar zusammen. Gleichzeitig ist ein Blog auch einfach attraktiv, das Produkt sieht gut aus, es funktioniert visuell. Ein Blog bietet mehr als Pinnwand-Programme wie padlet, die auch visuell funktionieren, weil Blogs von Kommentaren leben.

Auch Kommentieren will gelernt sein

Was man im Blog übt, lässt sich gut im übrigen Unterricht anwenden. Project Zero der Harvard Graduate School of Education hat aus aktuellem Anlass eine patente Werkzeugkiste veröffentlicht. Darunter ist ein «Tool», das ich für die Arbeit mit Blogs in angepasster Form nützlich finde, denn Kommentieren will gelernt sein. Das, also kommentieren zu lernen, könnte ja sogar das erste Projekt sein!

The Dialogue Toolkit, Project Zero, HGSE

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