Fernlernen = Präsenzunterricht mit anderen Mitteln? Erfahrungen aus der Praxis

Wie lassen sich die Häfen aller Inseln ansteuern – und warum ist dieses Bild vielleicht falsch?

Kaum hatten die Schulen auf Fernlernen umgestellt, bildeten sich zwei Lager. Und denken Sie nicht, das sei eine lokale Erscheinung gewesen: Diese Auseinandersetzungen wurden von Aarau bis Australien geführt. Fachexpertin Alexandra Binnenkade vom PZ.BS zeichnet den Streit nach und zeigt eine Lösung.

Die einen argumentierten, ohne Schule verlieren Schüler/innen ihren Tagesrhythmus und wichtige Beziehungen, den Austausch mit der Lehrerin, dem Lehrer und ihren Mitschüler/innen. Sie dachten an die ungleichen sozialen Voraussetzungen, die Schulen normalerweise zumindest ein wenig ausgleichen können und daran, dass ohne diesen Rahmen Kinder und Jugendliche, die bereits Schwierigkeiten haben, den Anschluss verlieren. Ihrer Ansicht nach gab es dafür eine gute Lösung:

Damit möglichst viel der gewohnten Umgebung und Struktur weitergeführt werden kann, muss Schule Mittel wie Videokonferenzen nutzen und den Unterricht so schnell wie möglich und möglichst komplett ins Digitale umsiedeln. Mit andern Worten: Der Stundenplan wird telquel auf Videokonferenzen umgelagert, die Schüler/innen sind präsent, und die Lehrpersonen haben zumindest ein wenig Kontrolle über den Fortschritt und den Unterstützungsbedarf ihrer Klassen.

Dasselbe Problem, aber eine andere Lösung

Die andern sahen dasselbe Problem aber eine andere Lösung: Gerade weil es Schüler/innen gibt, die entweder noch zu jung sind für Schule am Bildschirm, oder die keinen Computer haben und keine Eltern, die sie beim Einrichten neuer Software unterstützen können, gerade deshalb sollte man jetzt möglichst auf Computer verzichten. Denn in manchen Familien leben Kinder mit unterschiedlichen Stundenplänen – was für eine riesige Herausforderung nicht nur für die Kinder sondern auch für Eltern, diesen unterschiedlichen Ansprüchen allein organisatorisch gerecht zu werden! Schon die Frage, wann der richtige Zeitpunkt fürs Mittagessen ist, verwandelt sich in eine komplexe Management-Aufgabe.

Darum setzte diese Gruppe auf gut strukturierte Listen mit Arbeitsaufträgen und Abgabeterminen, wer Fragen hatte, durfte sich melden. Die Zeit bis zum Abgabetermin sollten die Schüler/innen selbst einteilen können. Der Stundenplan wurde ausser Kraft gesetzt, denn online-Präsenzunterricht verschärft das Problem.

Fünf Wochen später

Der Streit zog sich hin. Die einen argumentierten schriftlich in Blogposts und Twitterfeeds, die andern kreierten do und don’t-Grafiken und immer wieder war die Rede von «best practice». Bis jemand trocken in die internationale Runde warf, es gebe keine «best practice» im Moment. Eine Situation wie diese hat es noch nie gegeben und wir alle seien nichts anderes als Teilnehmende an einem gigantischen, globalen und lokalen Lernexperiment.

Fünf Wochen sind vergangen und alle haben Erfahrungen gesammelt: Lehrpersonen, Schüler/innen, Eltern, Schulleitungen und das spiegelt sich in der internationalen Blogger/innen-Community. Die Schwierigkeiten beider Lösungen wurden offensichtlich. Im folgenden stelle ich einige Lösungen vor, die Lehrer/inen zu diesem Entweder-Oder gefunden haben und gebe einige Statements wieder, die mich beeindruckten.

Das Geheimnis liegt im Mix

Sie haben es sich schon gedacht: Die Lösung liegt im Mix. Am einfachsten lässt es sich vom Stundenplan her angehen. Wer möchte, kann sich hier ein Video anschauen, in dem Philippe Wampfler ausführlich und überzeugend darauf eingeht. Ich habe mich international umgesehen: Den Vorschlag, den er ausführt, ist mittlerweile tatsächlich «good practice».

Der neue Fernlern-Stundenplan arbeitet nicht mit 45-Minuten Lektionen, sondern mit Zeit-/ Themen-Blöcken (ich komme gleich im Detail darauf zurück) und berücksichtigt Erkenntnisse, die aus der Lernforschung tatsächlich als «good practice» bekannt sind:

  • Schüler/innen lernen am besten, wenn sie sich gesehen und wertgeschätzt fühlen und in guten Beziehungen zur Lehrperson und ihren Peers stehen können
  • Lernen ist eine Folge von denken und das ist genauso eine gemeinsame Tätigkeit wie eine individuelle
  • Wir befinden uns in einer Situation, die alle Beteiligten stark heraus- und manche überfordern kann, darum: Keep the workload light and stick to the essentials

Was heisst das konkret?

Online ist der Ort für: Beziehung, Gemeinschaft, Austausch, Präsentieren.

Was hier passiert, passiert kurz, zielgerichtet, wiederholt, und ist von aussen gesteuert (klare Zeitvorgaben, Gruppeneinteilung, Themensetzung durch die Lehrperson)

Offline ist die Phase zum: zur Kenntnis nehmen, Verarbeiten, Nachdenken, Produzieren. Für die Offlinephasen sind längere Zeitfenster vorgesehen, auch sie sind zielgerichtet mit klaren Arbeitsaufträgen, die in der Regel auf eine Woche hin gedacht sind, Arbeitsaufträge, auf die Schüler/innen ein förderliches Feedback erhalten, aber sie lassen den Schülerinnen und Schülern mehr Freiraum, sich Zeit und Arbeitsschritte selbst zu planen (zum Feedback im digitalen Modus mehr in einem weiteren sehenswerten Video von Philipp Wampfler).

Dazwischen nutzen sowohl Lehrpersonen wie auch Schüler/innen traditionelle, stabile Kommunikations-Medien wie Telefon, Brief/Post, Papier, Email, das Schulhaus als Ort, an dem etwas abgegeben oder ausgeteilt werden kann, in gut begründeten Fällen und unter Einhaltung der Hygienevorschriften, kurze persönliche Kontakte an der Schule: um Fragen zu stellen, zu zweit etwas zu erarbeiten, um sich gegenseitig Feedback zu geben, um Kontakt aufzunehmen, um eine Lernleistung «einzureichen». Eine Primarlehrerin im 1. Zyklus liess sich von allen ein kleines Gedicht am Telefon vortragen, sobald sie von sich aus fanden, dass sie es jetzt können, was auch Anlass für ein kleines Gespräch sein konnte.

Was ist daran attraktiv?

Aus dem Mix entstand eine attraktive neue Unterrichtsplanung: Lehrer/innenteams erarbeiten gemeinsam Arbeits- und Lernaufträge und schlagen davon ausgehend den Schüler/innen einen möglichen Stundenplan vor (aus dem #twitterlehrerzimmer von Sascha Lesum @SLesum·17.4.2020). Eltern schätzen es sehr, wenn diese Aufgaben durch eine Lehrperson koordiniert abgegeben werden.

Wer online arbeiten kann, teilt jetzt den Unterricht in grössere Zeit-/ Fach-Blöcke ein. Die neuen Stundenpläne beginnen oft mit einem kurzen (15-20 minütigen) Präsenzmoment: Das kann eine Befindlichkeitsrunde sein, eine Präsentationsrunde, eine gezielte Aufgabe (Tages-Challenge), etwas Sportliches/ Motorisches/ eine Achtsamkeitsübung, die Gelegenheit im Unterrichtsordner zu schauen, wo die aktuellen Arbeitsaufträge sind, gefolgt von einem fachlichen Input. Weil sich sich alle Schüler/innen zur vorgegebenen Zeit einloggen, sind auch die Präsenzerfassung und das Thema Tagesrhythmus abgedeckt.

Die Zeit danach nutzen die Schüler/innen entweder für Einzel- oder Gruppenarbeiten, on- oder offline, digital und analog. Dieser neue Fernlern-Stundenplan gibt obligatorische Zeitfenster vor, lässt aber auch Spielraum für Kinder und Familien, den Tag flexibel zu gestalten. Schliesslich werden auch Kinder in den Alltag eingebunden: einige kochen, andere begleiten Geschwister beim Lernen oder Spielen, haben ihre Ämtli und Freiräume.

Was ich immer wieder höre und lese: Das alles zu planen und umzusetzen ist enge und entlastende Teamarbeit. Niemand muss so ein riesiges Schiff allein steuern. Im Moment wachsen einige Teams zusammen, lernen gemeinsam, Schritt für Schritt, und jede und jeder bringt das ein, was sie oder er gut kann.

Nachhaltig Lernen

Ein australischer Kollege machte auch deutlich, dass sich in dieser Situation die Rolle der Lehrer/innen verändert: Coachen und begleiten steht im Vordergrund. Seine Schüler/innen haben gelernt, dass sie sich weniger auf ihn, als auf sich selbst, ihre Problemlösungsfähigkeiten und Selbststeuerung verlassen müssen. Er hat sehr schnell gelernt, nicht mehr die erste Anlaufstelle zu sein: See three, before you see me.

In seinem Blogbeitrag formulierte er etwas, das mich sehr überzeugt hat:

«What will young people remember about their time in Covid-19? It won’t be lists of facts from their school subjects. What will endure are the dispositions and habits that a good education is based on – independence, resilience, self-regulation, problem-solving, and collaboration. The enculturation of these dispositions will define how successfully educators enable students to not just cope but thrive with the isolation imposed by Covid-19.»

Cameron Paterson, Shore School, Sidney, Australien

Anders gesagt: Der Mittelweg, den jetzt einige Schulen beschreiten, birgt viel Potential für die Zeit danach. Die Kreativität und die Freude, die ich bei vielen Beiträgen herauslese und in persönlichen Gesprächen höre, wiegt oft die Müdigkeit auf. Die Chancen – Blockzeiten, Vertiefung, mehr selbstgesteuertes Lernen, explizite Zusammenarbeit – sind gross. Die Mischung hilft, diejenigen im Boot zu behalten, die derzeit «verloren gehen».

Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Darüber, dass einige Schüler/innen in den ersten Wochen regelrecht vom Schulradar verschwunden sind, wird öffentlich weniger gern geredet. Wie erzeugt man jetzt Verbindlichkeit, wie bewegt man sich auf der Grenzlinie zwischen Vertrauen und Verantwortung, wie weit kann Verantwortung gehen, in einer Situation wo auf Lehrer- wie auf Schülerseite die Unterscheidung zwischen privat und schulbezogen verschwimmt? Viele Lehrpersonen reagieren bereits auf den Gap, die Lücke, die sich für diejenigen auftut, die ausstattungsmässig, ressourcenmässig, emotional oder gesundheitlich in einer fragileren Situation sind als andere. Ich kann darauf nicht mit einem Satz antworten, aber ich möchte dafür einen Kommentar-Raum eröffnen. Denn ich finde es wichtig, dass wir auch darüber Austauschmöglichkeiten finden können.

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